Michael Teigeler und Roland Bent begrüßen zum DKE Innovation Campus 2022

Digitale Normen starten in die Zukunft

Der DKE Innovation Campus versammelte am 28. Juni 2022 die Community der elektrotechnischen Normung in Frankfurt am Main. Karsten Schwanke, ARD-Meteorologe, eröffnet die Veranstaltung mit der Frage: „Was ist Wetter und was ist schon Klimawandel?“ Fortan ging es um die All Electric Society und die Sektorenkopplung von Strom- und Wärmemarkt sowie die Frage, welchen Beitrag digitale Normen für die Energiewende leisten können.

Energiewende ist gesamtgesellschaftliche Transformation

Mit seiner Eingangsfrage spielte der Moderator den Ball an die Gastgeber. Denn die DKE „Mission Zukunft – Auf dem Weg in die All Electric Society“ könne dem Klimawandel etwas entgegensetzen.

Michael Teigeler, DKE Geschäftsführer, erinnerte an die erste Sicherheitsnorm VDE 0100, die 1895 erstmals gedruckt wurde und hielt eine nachgedruckte Erstausgabe in den Raum. Jetzt müsse sich die Normung transformieren ins digitale Zeitalter. „Wir stehen vor globalen Herausforderungen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Der Schlüssel ist die intelligente Kopplung von Erzeugung und Nutzung der Erneuerbaren Energien in allen Sektoren.“

Roland Bent, Vorsitzender DKE, verwies auf den internationalen Erfolg der Normung: 90 Prozent der nationalen Normen sind internationalen Ursprungs. ‚Common Specifications‘ seien ein globales Erfolgsmodell, das Smart Standards ebenfalls werden könnten. „Wir müssen die Energiewende als gesamtgesellschaftliche Transformation für die Digitalisierung aller Sektoren begreifen und haben es in der Hand – eine riesige Chance und Verantwortung zugleich.“

Nachhaltigkeit und Klimaneutralität ist ohne Normen unmöglich

Stefan Schnorr, Staatssekretär im Bundesministerium für Digitales und Verkehr, lobte in seinem Grußwort die DKE Mission. „Sie sind die Garanten, dass wir diesen Weg in die All Electric Society schaffen können.“ Der Staat habe die Rolle als Enabler, der Leitplanken setze. Die Haltung im Ministerium sei technologieoffen, innovationfreudig, neutral. Die All Electric Society erfordere die Sektorenkopplung. Er dankte für die Arbeit der DKE, „weil wir Sie brauchen. Nachhaltigkeit und Klimaneutralität ist ohne Normen unmöglich. Machen Sie so weiter. Finden Sie die Lösung für die All Electric Society.“

Visionen sind notwendig und antizipieren, was Übermorgen kommt

Prof. Dr. Armin Schnettler, VDE Präsident, dankte allen DKE Expert*innen. DKE ist relevant: 10.000 Expertinnen und Experten, 2.000 Sitzungen und 1.100 Gremien arbeiten jedes Jahr an 500 Normen und damit an der Zukunft. Die DKE sei aus einem kleinen Pflänzchen gewachsen zu dem, was sie heute sei. Die All Electric Society sei ein Erfordernis für die Zukunft. Für die künftige Normung seien zwei Dinge wichtig: „Visionäres Denken, wir müssen antizipieren, was Übermorgen kommt. Wir müssen die Komplexität in kleine Scheiben zerlegen. Ohne Kooperationen wird es nicht gehen. Wir müssen agiler werden.“

Unternehmerisches Denken und Klimaschutz zusammenbringen

Dr. Ulrich Stoll, DIN-Präsident, betonte in seinem Vortrag, die Sektorenkopplung sei der Schrittmacher der All Electric Society. Die DKE leiste zukunftweisende Arbeit mit Smart Standards. Klimawandel sei die Herausforderung unserer Zeit. Deshalb hätten sich CEN und CENELEC, das European Committee for Electrotechnical Standardization, sowie 156 Partnerorganisationen im Mai 2022 auf die „Standards for the Climate“ verständig, die sie in der London Declaration dokumentiert  und sich darin verpflichtet haben, klimawissenschaftliche Erkenntnisse in Normung einfließen zu lassen.

Klimaschutz und Wirtschaft müssten nach Dr. Stoll Hand in Hand gehen. Deshalb solle und müsse die Wirtschaft in den Normungsgremien mitarbeiten. Man müsse unternehmerisches Denken und Klimaschutz zusammenbringen als Motor für Wachstum. „Alle digitalisieren ihre Prozesse. Deshalb brauchen wir maschinelesbare Normen. Smart Standards machen die Zukunft.“

© Heiko Wolfraum

Daten verstehen, austauschen und interoperabel machen

In seiner Keynote zur Sektorenkopplung betonte Dr. Gunther Kegel, CEO bei Pepperl + Fuchs SE, ZVEI-Präsident und DKE Präsidiumsmitglied, dass man neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien vor allem auf Energieeffizienz setzen müsse, denn die Volkswirtschaft würde weiterwachsen und das müsse sie ohne eine Zunahme im Energiebedarf – und das sei möglich, wie die Zahlen zeigten.

Zwischen 1990 und 2020 sei das Bruttoinlandsprodukt im Schnitt jährlich um 1,2 Prozent gewachsen, während die Treibhausgasemissionen im selben Zeitraum jährlich um 1,3 Prozent sanken. Die Herausforderung heiße: Schneller Ausbau der Erneuerbaren Energien und signifikante Erhöhung der Energieeffizienz bei wachsender Wirtschaftsleistung. Man müsse auf Kreislaufwirtschaft umstellen, deren dominante Energieform Strom aus erneuerbaren Quellen sei. Grüner Wasserstoff und E-Fuels seien Teil dieses technologieoffenen Zukunftsbildes. Dafür müsste sich die All Electric Society digitalisieren und datengetriebene Geschäftsmodelle entwickeln, um den Energieverbrauch trotz mehr Wirtschaftsleistung zu reduzieren.

Die All Electric Society sei nur mit digitalisierten und datengetriebenen Geschäftsmodellen vorstellbar. Die Sektoren müssten ihre Daten verstehen, austauschen und interoperabel machen, die Normung dafür die Grundlagen schaffen. Digitalisierung sei in der Industrie 4.0 weit fortgeschritten. „Nun müssen wir die digitale Infrastruktur schaffen. Die Verwaltungsschale der Plattform Industrie 4.0 ist dafür das geeignete Instrument. Es gilt nun, die Norm der Verwaltungsschale in die Fläche auszurollen.“

Wir brauchen eine gemeinsame Datenlogistik

Christoph Kelzenberg, Assistent Geschäftsführungsbereich CDO, Phoenix Contact GmbH & Co. KG, verglich die Sektorenkopplung mit der Güterlogistik, bevor in den siebziger Jahren der ISO-Container eingeführt wurde. Heute passten 24.000 davon auf ein Schiff. 40 Millionen Container seien unterwegs. Sie hätten die global arbeitsteiligen Lieferketten erst ermöglicht. Deutschland sei dadurch Exportweltmeister geworden, China der Lieferant der Welt. Über 60 Prozent des weltweiten Warenstroms erfolgten heute in ISO Containern über Wasser, Land und Bahn und LKW.

Heute bestünde ein ähnliches Problem mit der Datenlogistik. Bisher habe jeder Akteur in der Logistik seine eigenen IT-Systeme und Datenmodelle. Dadurch wären riesige manuelle Schnittstellen und mehrere hundert IT-Systeme zu unterhalten. Es gäbe zu viele Plattformen. „Wir brauchen eine gemeinsame Datenlogistik. Die Verwaltungsschale kann ein Enabler dafür werden. Der Digitale Zwilling und die Verwaltungsschale haben große Potenziale für gemeinsame Plattform mit Datencontainern.“

Keine Wärmewende ohne Sektorenkopplung

Für Dr.-Ing. Jürgen Meister, Bereichsleiter Forschung und Entwicklung Energie bei „OFFIS – Institut für Informatik“, ist die Digitalisierung der Wärmewende ohne Sektorenkopplung schwer vorstellbar. Wärme und Erneuerbare Energien müssten vernetzt werden. Mehrfachverwendung von Energie sei in nachgelagerten Prozessen möglich. „Digitalisierung und die Smart Metering-Infrastruktur spielen dafür eine entscheidende Rolle, damit eine Vielzahl von Akteuren Daten austauschen können.“

Er berichtete von Forschungsfeldern, die teilweise unter Beteiligung von DKE die Sektorenkopplung im Wärmemarkt erforschten. Dabei würden lokale Energieanlagen mit einer agentenbasierten Steuerung unter Verwendung von Künstlicher Intelligenz so verbunden, dass sie untereinander autonom aushandeln, wie sie sich optimieren. Auf einem Experimentalcampus der Universität Oldenburg erforsche er die nachhaltige Wärmewende. Gegenstand seien die Vernetzung großtechnischer Anlagen mit Abwärme- und Kälteprozessen, zentralen Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung sowie Absorptionskälteanlagen in einem Großrechenclusters. Man könne damit bisher ungenutzte Synergiepotenziale heben. Ziel sei die Integration in einer Wärmewende-Plattform mit Simulations- und Vorhersagemodellen zur Optimierung sowie Entwicklung und Integration von neuen Betriebsstrategien.

Datenstandard über die gesamte Lieferkette der Automobilindustrie

Claus Cremers, Siemens AG und Vorstandsmitglied Catena-X Automotive Network e.V, berichtete über das erste durchgängige, kollaborative, offene Datenökosystem für die Automobilindustrie der Zukunft. Es vernetze alle Akteure zu durchgängigen Wertschöpfungsketten. Bisher liefen die Daten in der Branche nicht so effizient zwischen den Akteuren, wie sie müssten. Deshalb würde Catena-X einen Datenstandard über die gesamte Lieferkette aufbauen. Daten sollten so ausgetauscht werden, dass Lieferanten entscheiden könnten, was damit passieren soll.

In Catena-X arbeiten neben Automotiv-Unternehmen auch Cloud- und Plattformdienste zusammen. Es gäbe 275.000 Lieferanten im Automobilsektor. Alle nutzten unterschiedliche Apps. Catena-X werde interoperable Apps zur Vernetzung entwickeln. Für den CO2-Fußabdruck brauche es einen Entry Point als Marktplatz und ein gemeinsames Regelwerk. 104 Mitglieder seien bereits mit internationalen Playern wie Ford und Stellantis, BMW, Daimler, Volkswagen, T-Systems und SAP dabei. Ende 2022 würde ein erstes Release mit Kunden erprobt. „Wir sind eine Umsetzungsorganisation. Wir arbeiten an einem radikalen Wechsel der Industrie.“

© Heiko Wolfraum

Handwerk regt Sektorenkopplungszentrum an

Alexander Neuhäuser, stellv. Hauptgeschäftsführer, Zentralverband Elektro Handwerk (ZVEH), skizzierte den Strukturwandel des durch kleinere Betriebe geprägten Handwerks. Für das Handwerk sei die Plattformökonomie eine Bedrohung seiner Unabhängigkeit. Man müsse mit den verschiedenen Systemen der Anbieter arbeiten. Es gäbe aktuell keine nahtlos digitalen Prozesse. Man müsse Daten immer wieder neu eingeben. Die Zahl der einzelnen Apps steige weiter, alle lösten aber nur Teilprobleme und seien nicht interoperabel.

„Wir wollen einen offenen Standard des Handwerks den App-Anbietern bereitstellen. Wir müssen eine gemeinsame Plattform der Hersteller bekommen, damit wir nicht in jeder App eines anderen Herstellers arbeiten müssen.“ Das Handwerk habe eine wichtige Funktion bei der Digitalisierung, aber es wehre sich gegen den Plattform-Feudalismus. „Wir sind darauf angewiesen, dass bei der Industriesicht auf das Internet der Dinge auch das Handwerk gesehen und beachtet wird. Wir brauchen die Zusammenarbeit der Gewerke. Dafür ist ein Sektorenkopplungszentrum im Handwerk nötig, das das Administrative und Praktische zusammenführt.“

Standards müssen digital werden, sonst macht es die Industrie

Markus Franke, Director Solution Design, Standards & Collaboration, Schaeffler Deutschland, empfahl, Smart Standards jetzt zügig auf die Straße zu bringen, sonst machten das die Unternehmen mit Einzellösungen. Deshalb engagiere er sich in der Initiative Digitale Standards (IDiS). „Wir brauchen noch mehr Unternehmen, die ihre Themen und Use Cases dort einbringen.“

Ein erstes IDiS Whitepaper beschreibe den Weg der Normen vom Papier und PDF zu Smart Standards. Es gehe künftig um maschinensteuerbaren Input. Aktuell seien die Normen auf Stufe 2 und 3. Um Stufe 5 zu erreichen, müssten die Normungsgremien jetzt vordenken, sich jetzt schon vorbereiten. „Wir müssen uns künftig bereits bei der Erstellung der Norm um die spätere Nutzung Gedanken machen.“

Smart Standards müssten künftig in die Planungsprozesse für die Produktentwicklung integriert werden. Die Industrie sei bereits weiter als die Normung. Schaeffler habe dafür Wissensmanager, die Papier-Normen in die Anwendungsentwicklung und die Programme integrierten. „Nur für diesen Prozess beschäftigen wir fünf Leute, weil die Norm nicht digital vorliegt. Ich bin als Industrie weiter als die Normung.“

© Heiko Wolfraum

Normungsgremien müssen diverser werden

Im Workshop 1 wurde über die Zukunft der Normung diskutiert. Alena Widder, Projektmanagerin Next Generation DKE, moderierte diesen Workshop zusammen mit Adam Lawrence, Mitgründer WorkPlayExperience.

Die Teilnehmenden sammelten Ideen für eine starke und inklusive Normung. Sie legten ihren Fokus auf dem Thema „Age Diversity“ als entscheidenden Aspekt für Innovation und zukünftiges Engagement. Die Nachwuchssituation mit jungen Ingenieur*innen in der Normung sei nicht optimal. Der Frauenanteil bei den Studierenden der Elektro- und Informationstechnik in Deutschland liege bei nur 15 Prozent; in den DKE Normungsgremien liege er nur bei acht Prozent. Deren Altersdurchschnitt betrüge geschätzt über 50 Jahre und die durchschnittliche Zugehörigkeit läge bei 21 Jahre.

So war die Erkenntnis: „Wir haben ein Nachwuchsproblem!“ Die Arbeitgeber müssten zudem dafür sorgen, dass die jungen Menschen genug Zeit für die Mitarbeit in Normungsgremien bekommen und sie dafür freistellen.

Ideen zur Lösung:

  •  „Awareness“ zu diesem Thema bereits im Studium schaffen
  •  Werbung auch in Fachzeitschriften schalten
  •  Präsenzveranstaltungen in den Hochschulen durchführen
  •  Strukturierte Einführung in die Normungsarbeit anbieten.

Datentechnischen Sektorenkopplung muss höchste Priorität bekommen

Unter der Moderation von Roland Bent, Vorsitzender DKE, und Dr. Jens Gayko, Managing Director Standardization Council Industrie 4.0, wurde in Workshop 2 über die datentechnische Sektorenkopplung diskutiert.

Schnell herrschte Übereinstimmung, dass die Verwaltungsschale der Integrationsstecker zur Digitalisierung und für die Klimaneutralität bis 2050 sei. Für die flächendeckende Erstellung eines CO2-Fußabdruckes lägen die Herausforderung in der Lieferkette. Im eigenen Unternehmen hätte man das im Griff aber von den Zulieferern diese Informationen zu bekommen sei schwieriger. Die Sektorenkopplung sei dafür ein Effizienztreiber, allerdings müssten Domaingrenzen überwunden werden.

Eine interaktive Umfrage unter den Workshopteilnehmenden ging der Frage nach, welche sektorenübergreifenden Anwendungsfälle diese sehen. Die Auswertung der Ergebnisse zeigte, dass jeder unterschiedliche Schwerpunkte sieht. Die gemeinsame Semantik, eine sektorübergreifende Normung, Schnittstellen sowie die Zusammenarbeit zwischen den international arbeitenden Technical Committees sei wichtig.

Als Aufgabe der Normung bei der datentechnischen Sektorenkopplung wird die Interoperabilität mit der höchsten Priorität genannt. Eine gute Zusammenarbeit auf internationaler Ebene genau wie innerhalb der unterschiedlichen Sektoren oder auch national zwischen Verbänden, Wirtschaft und Politik seien äußerst wichtig. „Wir müssen auf eine gemeinsame Sicht der Datenmodelle kommen. Dafür brauchen wir den Dialog. Den will die DKE anbieten.“

Smart Standards vom Anwender denken und für den Alltag aufbereiten

In Workshop 3 unter der Moderation von Damian A. Czarny, Projektleiter Digitalisierung DKE, und Peter Rauh, Projektkoordinator DIN, diskutierten die Teilnehmenden über „SMART Standards in der Praxis“. Eine zentrale Frage dabei: Welche Anforderungen müssten Smart Standards künftig erfüllen, um die Anwender in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen.

Erörtert wurde die Gefahr, dass man den kompletten Sinn einer Norm nicht mehr erschließt, wenn sie in einzelne Passagen zerlegt würde. Es sei zu empfehlen, immer erst die gesamte Norm durchzulesen und dann mit den Fragmenten zu arbeiten. Bei internationalen Normen müssten sich aber die Gremien anders aufstellen und die Normen besser strukturieren. Bei Smart Standards müsse man sich künftig Gedanken über die Nutzer und das passende Format für diese machen. Formeln müssten entsprechend angepasst und für die digitale Anwendung aufbereitet werden. Die komplette Information der Norm müsse transparent sein und auch die Anhänge erfassen. Alle relevanten Informationen seien bereits bei der Content Creation so zu verknüpfen, dass sie in der Anwendung berücksichtigt werden könnten.

In einem Brainstorming trugen die Teilnehmenden User Stories zusammen, in denen sie ihre Praxisanforderungen an Smart Standards formulierten. Anschließend wurden die 36 eingereichten User Stories den bestehenden elf Anwendungsfällen zugeordnet. Dabei zeigten sich die enorme Einsatzmöglichkeiten mit Smart Standards in der industriellen Anwendung. Fast alle User Stories beschrieben Fälle, wie sie im Alltag von Ingenieur*innen und Techniker*innen vorkommen.

© Heiko Wolfraum

Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern 13:00 Uhr

Dipl. Meteorologe Karsten Schwanke zeichnete in seinem Impulsvortrag „Klimawandel für Ingenieurinnen und Ingenieure“ ein besorgniserregendes Bild. Alle wüssten zwar, dass der Klimawandel komme. Die Folgen aber würden oft nicht verstanden.

Die Zahl 0,9 Grad beschreibe die aktuelle globale Erwärmung von 2000 bis 2020 im Vergleich zu 1850 vor der Industrialisierung. Man müsse sich aber von statistischen Mittelwerten lösen. Die beste Annahme gehe bis 2050 von bis zu 2,7 Grad oder mehr aus. In den letzten 12.000 Jahren verzeichnete man die gleiche Erwärmung wie jetzt in zwei Jahrhunderten. Das sei keine natürliche Variabilität mehr. 2018 hätte sechs Monate lang eine Trockenzeit geherrscht. Die gesamte Wetterzirkulation auf der Nordhalbkugel sei stehen geblieben. Bis 1983 hätten wir niemals über 40 Grad nördlich der Alpen gemessen. 2015 waren es dann 40,3 Grad. Die Abstände und die Ausreißer nach oben nähmen zu. Aber 2050 seien wohl über 50 Grad möglich. Das habe massive Auswirkungen auf Gebäude, auf die Architekt*innen noch keine Antwort hätten.

„Je genauer ich mir die Daten anschaue, desto mehr sehe ich den Klimawandel und erkenne, was auf uns zukommt.“ Auch die Länge einer Hitzewelle verlängerte sich. „Wir haben heute viermal so viele Hitzewellenlängen. Hohe Temperaturen führen dazu, dass die Atmosphäre pro Grad sieben Prozent mehr Wasser aufnehmen kann.“ Wasserdampf sei der höchste Energieträger der Atmosphäre. Das führe zu deutlich mehr tropischen Stürmen, weil mehr Energie in die Atmosphäre gelange. Dies sei auch ein Grund für die Hochwasser im Sommer 2021 im Ahrtal gewesen.

Smart Standards sind ein Gegenwartsthema

Roland Bent, Vorsitzender DKE, betonte in seinem Abschlussstatement, dass die Normungsorganisationen den Diskurs mit Wirtschaft und Politik führen müssten. Viele Akteure in der Sektorenkopplung wüssten zu wenig voneinander. Nötig sei eine Plattform, auf der das Wissen zusammengeführt und wieder bereitgestellt würde. „Wir müssen Silos auflösen und Abteilungsdenken überwinden. Wir müssen das als Querschnittsaufgaben sehen. Wir müssen die Digitalisierung konsequent vorantreiben, sonst gewinnen wir die junge Generation nicht.“

Smart Standards seien kein Zukunfts-, sondern ein Gegenwartsthema. „Wir müssen die Grenzen von Branchen und Organisationen überwinden. Dafür brauchen wir eine neue Plattform. Die DKE kann diese Plattform sein.“ Die DKE habe die Chance, einen zentralen Beitrag zu leisten. „Wir haben eine Umsetzungsherausforderung, kein Erkenntnisproblem. Wir müssen es anpacken, sonst machen wir uns an der nächsten Generation schuldig. Deshalb haben wir das DKE Commitment 2030 entworfen, in das auch die Ergebnisse des Innovation Campus 2022 einfließen werden. Lassen Sie uns diesen Aufbruch in die All Electric Society gemeinsam gestalten, als gemeinsame Mission Zukunft.“

Die nachfolgenden Statements stammen aus der Podiumsdiskussion.

Kerstin Jorna, EU-Generaldirektorin Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU (GROW)

Wir sollten den Fokus auf die wichtigen Normen für die Energiewende legen. Im europäischen Binnenmarkt müssen wir unsere Ressourcen bündeln. Die EU-Kommission hat deshalb einen Chief Standards Officer ernannt. Standards sind sexy, weil sie ein Investmentrisiken minimieren. Den Nachwuchs und Start-ups sollten wir stärker in Normungsprozesse integrieren.“

Prof. Dr. Kristina Sinemus, Hessische Ministerin für Digitale Strategie und Entwicklung

„Wir haben in Hessen eine Gigabittstrategie: Bis 2022 sollen Schulen und Gesundheitsstruktur an das Glasfasernetz angeschlossen sein, bis 2030 auch private Haushalte. Wir arbeiten nach dem Prinzip „Markt vor Staat“. Privatwirtschaft steuert und koordiniert mit der Politik in eine Richtung. Marktgetriebene Förderprogramme und beschleunigte Genehmigungsverfahren sorgen dafür, dass wir unsere Ziele schneller erreichen.“

Philippe Metzger, Secretary-General & CEO International Electrotechnical Commission (IEC)

„Die All Electric Society ist ein entscheidender Punkt in der IEC-Strategie. Notwendig sind Anstrengungen auf internationaler Ebene für die Digitalisierung. Wir müssen alle mitnehmen, auch andere Kontinente. Unsere Stakeholder müssen entscheiden, wie sie ihre Normungsorganisationen aufstellen. Wir binden die junge Generation ein, damit wir den Klimawandel bewältigen.“

Dr. Annette Frederiksen, Next Generation DKE, Forschungsingenieurin bei Bosch.

„Normung muss sexy werden. Sie sollte auch in der Hochschullehre verankert sein. Normungsorganisationen brauchen eine Willkommenskultur für die Next Generation, die einen wichtigen Beitrag leisten kann. Die junge Generation ist vernetzt, hat globale Kontakte. Die Normungsorganisationen müssen digitaler arbeiten.“

Ansgar Hinz, CEO VDE

„Wir brauchen eine gemeinsame Strategie von Politik, Wirtschaft und Normungsorganisationen. Mit Vertrauen und gemeinsamen Prozessen funktioniert die Normung schneller. Für persönliche Befindlichkeiten ist kein Platz. Den Klimawandel kann nur gewinnen, wer die Majorität der Menschen mit sachlichen Informationen betroffen macht.“

Christoph Winterhalter, Vorsitzender des Vorstandes DIN und Vizepräsident der ISO

„Wir haben in Europa eine vorbildliche Struktur für die Normungsprozesse. Public Private Partnership hat sich bewährt. Es braucht aber einen noch engeren Schulterschluss zwischen nationaler und internationaler Normungsarbeit. Wir müssen bei DIN analysieren, wo wir einen Impact auf den Klimawandel haben, und diese Normen überarbeiten.“

© Heiko Wolfraum

Mehr Informationen erhalten Sie auf dem Innovation Campus am 28. Juni.
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